7. Mai 2018

Es tönt gut aus der Schweiz

Um eine Gesellschaft zu entschlüsseln, muss man deren unübersetzbare Wörter betrachten. Zu den Schweizern gehört hier vor allem ein gewisses „Längizyti“ (Berndeutsch): Heimweh, Weltschmerz, die Sehnsucht nach etwas Vergangenem und Fernweh mit ein wenig Melancholie. Und so treibt es die Schweizer wie keine andere Nation nicht nur in die Heimat, sondern auch in die Ferne. Deutschland, mit dem eine sprachliche und kulturelle Verbundenheit besteht, ist hierbei neben Frankreich und Italien das beliebteste Reiseziel. Und die Entwicklung ist steigend. Mit über 22.000 Ankünften im Jahr 2017 ist hier gerade für Thüringen noch sehr hohes Potential, vor allem was die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 2 Nächten betrifft.
Barbara Ermrich ist seit 2016 für die Marktbearbeitung Schweiz bei der TTG verantwortlich und teilt hier gerne ihre Erfahrungen.

„Grüezi“ Barbara. Die Schweiz sieht so klein aus auf der Landkarte und doch ist sie ein Quellmarkt mit großem Potential?
Die DZT bestätigt es uns immer wieder. Seit mehr als 10 Jahren verzeichnet der Schweizer Markt ein ununterbrochenes Wachstum und eine Steigerung der Übernachtungszahlen im Deutschland Incoming. Damit ist die Schweiz nach den Niederlanden an der Spitze. Sicherlich, Reiseziel Nummer 1 in Deutschland sind die benachbarten Bundesländer wie Baden-Württemberg oder Bayern. Doch die zunehmend verbesserte Infrastruktur, die positiven Erfahrungen auf den bisherigen Reisen, das gute Preis-Leistungs-Verhältnis und die Neugier auf weitere Regionen in Deutschland führen die Schweizer auch nach Thüringen.

Gibt es einen Zeitraum, in dem die Schweizer besonders gern reisen?
Ihre Haupturlaubszeit ähnelt wohl der unseren: Juli und August. Im Februar und März gibt es 2 Wochen Sportferien, im Oktober 2 Wochen Herbstferien. In diesen Zeiten finden oftmals Kurzreisen statt. Nach Thüringen kommen die Schweizer meist mit PKW und Bahn. Letzteres vor allem aus städtischen Gebieten um Bern und Basel. Da die Entfernung zum Mittelmeer kürzer ist, sind wir kein wirkliches Durchreiseziel für einen Ostseeurlaub, aber liegen auf dem Weg nach Berlin oder auch anderen Großstädten in Deutschland. Ziel kann es also sein, eine längere Aufenthaltsdauer durch eine zunehmende Attraktivität der Region und Steigerung der Qualität zu fördern.

Also ist die Qualität des Angebots sehr wichtig?
Auf jeden Fall – den Anspruch sollten wir aber auch so immer haben. Der Schweizer bucht preisbewusst. Qualität ist jedoch ein wichtiger Entscheidungsgrund. Gemütlichkeit und guter Service hinterlassen einen positiven Eindruck, der vielleicht zu einer weiteren Reise nach Thüringen führt. Auslandsreisen werden hauptsächlich im gehobenen Segment gebucht, in Bezug auf die Hotellerie: 4- bis 5-Sterne-Bereich. Das kann sich neben einem Hotel auch auf einen Landgasthof beziehen. Der Schweizer schätzt die „ländliche Idylle“. Er kennt sie aus seiner Heimat. Die Schweiz hat einen sehr hohen Lebensstandard und gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Und dennoch: das Preis-Leistungs-Verhältnis ist entscheidend. Lassen wir uns also nicht „abschrecken“ von den Anforderungen. Wir sollten mit Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit glänzen und dabei die traditionellen Besonderheiten in den Fokus rücken. Das ist wie mit dem Käse und der Schokolade: natürlich kommen die auch sehr gut aus der Schweiz, aber regionale Produkte werden gerne probiert und kulinarisch geschätzt. Das „wie“ ist entscheidend.

Also sind Tradition und Handwerk ein Motiv der Neugier?
Ja, ich denke neben dem klassischen Reisemotiv, welches sich auf Städte- und Kulturreisen fokussiert, sind Kulinarik und auch traditionelles Handwerk von Interesse. Thüringen punktet mit authentischen Orten und historischen Sehenswürdigkeiten. Das Kultur- und Veranstaltungsangebot ist attraktiv und geradezu „familiär“. Der kulturinteressierte Schweizer schätzt das Siegel „UNESCO“, da er selbst mit der Altstadt Bern oder dem Stiftsbezirk St. Gallen solche Schätze besitzt.

Und Schiller und Goethe?
Ja, ich denke Goethe ist schon klasse, aber Schiller ist wohl in der Schweiz eher der Star. Immerhin hat er mit dem Drama „Wilhelm Tell“ 1804 am Weimarer Hoftheater den Grundstein für ein breiteres Verständnis der Schweizer Geschichte im deutschsprachigen Raum gelegt.

Das musst du genauer erklären…
Am 1. August wird der „Rütli“-Schwur als Nationalmythos mit einem Feiertag begangen. Seit dem 19. Jahrhundert ist dieses Ereignis eine identitätsstiefentende Erzählung, die das Gründungsdatum des jungen Staates datiert, und den „Rütli“-Berg zum patriotischen Sehnsuchtsort macht. Wilhelm Tell steht dabei als großer Freiheitskämpfer. Wir kennen ihn wohl heute als den, der den Apfel vom Kopf seines Sohnes geschossen hat.

Gibt es sonst noch Gemeinsamkeiten?
Sicherlich, aber das herauszufinden ist wohl das spannende. Auch wenn Stereotype wie „hohes Einkommen“, „Distanziertheit“ und „Pünktlichkeit“ zumeist davor abschrecken: kommt man ins Gespräch, ist der Schweizer sehr herzlich. Im Ausland ist er zudem stolz, wenn er auf die „Heimat“ trifft, beispielsweise auf Geschichten von Persönlichkeiten oder bei der Architektur.

Verstehst du denn das Schwyzerdütsch?
Ich versuche es. Aber zugegeben, auch in der Schweiz gibt es so viele verschiedene Dialekte. Einmal bin ich stolz, wenn ich einen Medienvertreter aus Zürich gut verstehe und im nächsten Moment kommt ein Blogger aus Bern und wir schauen beide verwirrt. Ca. 87,5% der Schweizer leben in städtischen Gebieten und nicht alle in einer Hütte auf dem Berg, und doch sind sie noch immer so verschieden. „Nur“ ca. 64,5% Schweizer sprechen Deutsch – wobei das „Schwizerdütsch“ wohl ab und an für Verwirrungen sorgt – Französisch und Italienisch gelten hier ebenso als Amtssprache. Fokus der Marktbearbeitung für Thüringen ist der „deutschsprachige“ Raum.

Gibt es noch nützliche Tipps für die Marktbearbeitung?
Schweizer bezahlen hohe Abgaben für Papiermüll, daher werden hier nur ungern Print-Produkte entgegengenommen auf Messen und Workshops. Online-Informationen sind sehr wertvoll! Und: “ß” ist in der Schweiz nur ein “ss”. Der Buchstabe “ß” wird in der Schweiz nicht verwendet.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ihre Ansprechpartnerin 

Thüringer Tourismus GmbH 
Barbara Ermrich 
Auslandsmarketing Österreich, Schweiz, Frankreich
Tel: +49 361 3742231 
b.ermrich@thueringen-entdecken.de 

Weitere Informationen zu unseren Gästen aus der Schweiz finden Sie im Bereich Produktentwicklung/ Quellmarkt Schweiz.

 

 

 




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Autor

Claudia Hartmann
Thüringer Tourismus GmbH

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