Nachhaltige Mobilität gestalten – eine Zukunftsaufgabe für jede Destination

26. November 2019

Mobil sein und reisen, das gehört zusammen, schließlich ist die Mobilität der Grundbaustein einer jeden Reise. Allein mit dem PKW legen Tages- und Übernachtungsgäste in Ostdeutschland jährlich rund 37,3 Milliarden Kilometer zurück, für die An- und Abreise ebenso wie für die Mobilität vor Ort.

Aber wie sieht der Verkehr der Zukunft aus? Welche Fahrzeugtypen mit welcher Antriebstechnologie fahren 2030 durch Deutschland? Ändert sich das Nutzungsverhalten von Einheimischen und Reisenden? Wie lässt sich Verkehr vermeiden, ohne die Mobilität zu beschränken? Wie entwickelt sich der öffentliche Nahverkehr? Viele Fragen, die auch für den Tourismus eine zentrale Rolle spielen. Nachhaltige Mobilitätskonzepte werden künftig zur Pflichtaufgabe im Tourismus. Nachhaltige Mobilität erhöht die Gesamtattraktivität in Destinationen, sie ist förderlich für eine zukunftsgerechte Entwicklung der touristischen Nachfrage und wird künftig immer stärker von Gästen erwartet. Genau deshalb stand “Nachhaltige Mobilität” als Branchenthema im Sparkassen-Tourismusbarometer Ostdeutschland 2019 im Mittelpunkt. Im Folgenden sind die Kernergebnisse wiedergegeben.

Mobilität als zentrale Stellschraube für mehr Klimaschutz im Tourismus

Reisen gehört mittlerweile zu den Grundbedürfnissen der meisten Menschen. Angesichts des aktuellen gesellschaftlichen Wandels, umweltpolitischer Herausforderungen, steigender Gästezahlen, einer geringeren Aufenthaltsdauer und neuer Mobilitätsanbieter muss touristische Mobilität jedoch unter anderen Vorzeichen diskutiert werden. So sind es touristische Verkehre im Deutschlandtourismus, die für drei Viertel der durch den Tourismus induzierten CO2-Emissionen verantwortlich sind. Mobilität stellt somit die zentrale Stellschraube für mehr Klimaschutz im Tourismus dar.

Rahmenbedingungen nachhaltiger Mobilität im Tourismus *

Quelle: dwif 2019

Mobilitätsnachfrage und -verhalten – große Unterschiede zwischen Stadt und Land

Um die richtigen Lösungsansätze zu finden, müssen verschiedene gesellschaftliche und strukturelle Rahmenbedingungen, aber vor allem das Verhalten der unterschiedlichen Mobilitätsnutzer sowie etablierte und neue Mobilitätsmöglichkeiten im Auge behalten werden. Das Mobilitätsverhalten selbst unterscheidet sich räumlich sehr stark: Während in Metropolen teilweise 40 Prozent der Haushalte kein Auto mehr besitzen, ist es in ländlichen Regionen kaum wegzudenken; neun von zehn Haushalten besitzen hier ein eigenes Fahrzeug. Auch im sogenannten Modal Split (Anteile der Verkehrsmittel bei der An- und Abreise) im Deutschlandtourismus dominiert der Pkw bei der Anreise zum Übernachtungsort, vor allem in ländlichen Regionen.

Die Hauptargumente gegen eine Anreise mit Bus oder Bahn bei Ausflügen oder Übernachtungsreisen sind die mangelnde Bequemlichkeit und Flexibilität. Vor allem für ländliche Destinationen besteht hier Handlungsbedarf, denn urbane, sich multimodal bewegende Nutzer*innen sind eine wachsende Zielgruppe, gerade für ländliche Regionen. Und sie stellen hohe Anforderungen an eine funktionierende und bequeme Mobilität.

Hauptargumente gegen eine ÖV-Nutzung und Hemmfaktoren bei nachhaltiger Mobilität **

Quelle: dwif 2019

Hindernisse auf dem Weg zu nachhaltiger Mobilität

Entwicklung und Management nachhaltiger Mobilität sind für touristische Destinationen dabei alles andere als einfach. Tourismusorganisationen, Kommunen und beteiligte Verkehrsunternehmen kämpfen vor allem an drei Fronten:

  • Der am Alltagsverkehr orientierte ÖPNV: ÖPNV-Verbindungen im ländlichen Raum sind üblicherweise ausschließlich am Schüler- und Pendlerverkehr ausgerichtet. Damit fehlen häufig attraktive Angebote für Kurzurlauber und Ausflügler.
  • Heterogene Organisationsstrukturen und Zuständigkeiten: Öffentliche Verkehrsverbünde und -netze orientieren sich meist an Landkreisgrenzen (Besteller der Dienste) und nicht an den für Gäste relevanten Destinationszuschnitten.
  • Fehlende Finanzierung neuer und attraktiver Mobilitätsangebote: Kommunale Budgets decken im Allgemeinen gerade (noch) den Alltagsverkehr ab, während für neue touristische Angebote zusätzliche Finanzierungsquellen erschlossen werden müssen.

Der Thüringer Wald begegnet der Thematik mit der Erweiterung des Rennsteig-Ticket

Im Rahmen des Sparkassen-Tourismusbarometers wurde für jedes ostdeutsche Bundesland eine Modellregion in den Fokus genommen. In Thüringen wurde im Thüringer Wald der Themenschwerpunkt auf die „letzte Meile“ gelegt, da hier, wie in vielen Mittelgebirgsdestinationen, häufig kundengerechte Angebote fehlen. So braucht es mehr einladende und informative Umsteigepunkte wie den als „Mobilitätsknoten des Jahres 2017“ ausgezeichneten Bahnhof Zella-Mehlis, digital vernetzte Informationen mit Echtzeit-Verbindungen (Beispiel Stadthalle Bad Blankenburg), das Herausarbeiten der funktionierenden Mobilitätsketten bis zur Unterkunft oder zum Ausflugsziel und die Einbindung der Hotellerie und Freizeitwirtschaft. Diese müssen Mobilitätsbausteine konsequent in ihre Angebote und Kommunikation einbauen – wie z. B. das Hotel Kammweg in Neustadt/Rennsteig auf seiner Website als Fahrtziel Natur-Partner. Grundvoraussetzung ist allerdings das Bewusstsein bei Politik und in den Kommunen, dass die Stärkung des ÖPNV und das Zusammenspiel mit dem Tourismus auch neue Chancen für die Daseinsvorsorge und Regionalentwicklung bedeuten. Mit der derzeitig in Erarbeitung befindlichen Ausweitung des Rennsteig-Tickets soll das Thema Vor-Ort-Mobilität für den gesamten Thüringer Wald deshalb Rückenwind bekommen.

Acht Prinzipien für Mobilität und Tourismus

Nachhaltige Mobilität ist also geprägt von strukturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und unterliegt einer aktuell starken Entwicklungsdynamik. Gelerntes Verhalten verändert sich, und neue Anbieter, Konzepte und Trends prägen das Mobilitätsverhalten der nahen Zukunft neu.

Prinzipien für Mobilität & Tourismus

Quelle: dwif 2019

Die Themen Mobilität und Tourismus sind untrennbar miteinander verwoben. Daraus ergeben sich konkrete Herausforderungen und wichtige Stellschrauben für Destinationen, die sich in acht Prinzipien für Mobilität und Tourismus zusammenfassen lassen:

  • Nutzen kommunizieren & einbinden: Kommunikationsbedarf besteht dabei in alle Richtungen – gegenüber dem Gast, den Einheimischen, der Politik sowie den Tourismus- und Verkehrsunternehmen.
  • Glaubwürdigkeit bewahren: Die eigene Positionierung sollte, vor allem für Destinationen mit einem Selbstverständnis als Naturregion, mit Blick auf Aktivitäten im Bereich nachhaltige Mobilität eine entscheidende Rolle spielen.
  • Allianzen schmieden: Die relevanten Akteure müssen an einen Tisch und eine gemeinsame Zielrichtung vereinbaren. Entscheidend kann sein, erstmal mit den Willigen voranzugehen.
  • „ÖPNV-first“ denken: Die Kernaufgabe liegt bei der Produktentwicklung, wo die nachhaltige An- und Abreise selbstverständlicher und – möglichst inkludiert – buchbarer Produktbestandteil sein sollte.
  • Mobilität touristisch veredeln: Die Devise lautet Erlebnisqualität statt Mittel zum Zweck und meint jegliche Form von tourismusbezogenem Service, um die Mobilität anzureichern oder sogar zu einem besonderen Erlebnis werden lassen.
  • Intuitiv, bequem, intermodal: Beim Gast kommt an, was einfach und bequem ist – klassische ÖPNV-Fahrpläne, Tarifgrenzen in einem Reisegebiet, nichtvernetzte Informations- und Datensilos oder überlange Wartezeiten sind also out.
  • Gästemobilität solidarisch finanzieren: Egal, welchen Weg Destinationen zur fahrscheinlosen Gästemobilität nehmen, das Ziel ist immer eine ebenso einheitliche wie transparente Finanzierung, die möglichst viele profitierende Player einbindet.
  • Alle Finanzierungsquellen im Blick haben: Das Credo lautet Schritt für Schritt vorgehen und dabei stets die laufenden Kosten im Blick haben.

 

Weitere Praxisbeispiele, Checklisten und mehr finden sich im Sparkassen-Tourismusbarometer Ostdeutschland 2019 unter www.osv-online.de/verband/fachbereiche/tourismus/.

Anmerkungen und Quellen (*)

*             Quelle: UNEP/ UNWTO 2008; BMWI Mobilitätsbericht 2017; Mobilitätskonzepte für ländliche Tourismusregionen, bundesweite onlinebasierte Einwohnerbefragung, 2015.

**           Quelle: Mobilitätskonzepte für ländliche Tourismusregionen, bundesweite onlinebasierte Einwohnerbefragung, 2015; Stimmungsbarometer Ostdeutschland 2019.

Dieser Beitrag wurde erstellt in Zusammenarbeit mit Karsten Heinsohn von der dwif-Consulting GmbH. Sie können den Beitrag hier im PDF-Format herunterladen:

Marktforschungsnewsletter 82019 Nachhaltige Mobilität gestalten (293.9 KiB)


Autor(in): Marktforschung
Thüringer Tourismus GmbH
E-Mail: marktforschung@thueringen-entdecken.de
Telefon: +49 361 3742239
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