6. Juni 2018

Investitionsbereitschaft im Thüringer Gastgewerbe

Im Auftrag des DEHOGA Thüringen e.V. hat das Deutsche Wirtschaftswissenschaftliche Institut für Fremdenverkehr e.V. (dwif) im Jahr 2016 einen Betriebsvergleich für das Hotel- und Gaststättengewerbe in Thüringen erstellt. Dieser zeigt u.a. wie gut oder schlecht der eigene Betrieb im Verhältnis zu vergleichbaren Betrieben steht, wo Stärken und Schwächen sind und in welchen Bereichen Veränderungen notwendig sind. Ein zentrales Ergebnis des Betriebsvergleichs Gastgewerbe Thüringen 2016 ist: Die positive Stimmung auf dem Markt macht sich zunehmend auch bei den betrieblichen Investitionen bemerkbar.

Info: Betriebsvergleich Gastgewerbe Thüringen

Die aktuelle Auflage des Thüringer Betriebsvergleichs liefert Hoteliers, Gründern, Touristikern, Steuerberatern und Sachverständigen mit knapp 90 Kennzahlen und weiteren Schwerpunktthemen (Investition, Qualität, Arbeitsmarkt, Förderprogramme und Online-Vertrieb) eine fundierte Datenbasis für Vergleichsanalysen, Betriebsoptimierungen, Projektplanungen und strategische Entscheidungen.

Angelehnt an den klassischen Produktlebenszyklus befinden sich derzeit viele gastgewerbliche Betriebe in Ostdeutschland und Thüringen in der Reifephase, nachdem der Schwerpunkt in den 1990er und 2000er Jahren auf Errichtungs- und Erweiterungsinvestitionen lag. Die Reifephase ist dadurch gekennzeichnet, dass die Wettbewerbsintensität steigt und die Zuwachsraten sinken. Entsprechend nimmt der Druck auf die Betriebe zu, Investitionen zu tätigen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Auf betrieblicher Ebene hängt das Investitionsverhalten, außer von der Einschätzung der eigenen Ertrags- und Innenfinanzierungskraft, stark von den Erwartungen der Betreiber/Geschäftsführer bezüglich der Entwicklung des Gesamtmarktes ab. Eine regelmäßig durchgeführte Saisonumfrage zeigt folgende Entwicklungen auf: 

  • Bundesweit beurteilen die gastgewerblichen Unternehmen die Geschäftslage seit der Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2008/2009 zunehmend besser. Die Investitionsbereitschaft hinkt etwas hinterher, stieg jedoch zuletzt auch spürbar an.
  • In Thüringen beurteilt das Gastgewerbe die Geschäftslage schlechter als im Bundesdurchschnitt, liegt aber dennoch auf einem guten Niveau.
  • Bei der Investitionsbereitschaft legte gerade Thüringen zuletzt deutlich zu und liegt nur noch um vier Punkte unter dem Deutschlandwert. In Ostdeutschland werden nur in Mecklenburg-Vorpommern eindeutig bessere Werte erzielt.

Die Diskrepanz zwischen guter Einschätzung der Geschäftslage und verhaltener Investitionsbereitschaft deutet darauf hin, dass die Betriebe ihren Handlungsspielraum für investive Maßnahmen offenbar nicht voll ausschöpfen. Warum ist das so? Zum einen zeigen Primärerhebungen aus dem Jahr 2015, dass zahlreiche Betriebe in Thüringen (81%) bereits Investitionen getätigt haben; zum anderen sehen sich die Betriebe wegen wirtschaftlicher Risiken im Vergleich zu den Vorjahren in stärkerem Maße mit investitionshemmenden Faktoren konfrontiert. Dazu zählen vor allem der Fachkräftemangel (63%) und die steigenden Arbeitskosten (58%). Weitere Risikofaktoren sind „politische Rahmenbedingungen bzw. behördliche Auflagen“ (50%). Zudem bewerten die Unternehmen die „Energiepreise“ (23%) als problematisch.

Aufgrund der Risiken halten die gastgewerblichen Betriebe einen Teil der Betriebsergebnisse als Puffer zurück. Zudem fällt häufig auch die Innenfinanzierungskraft gering aus. Eine der erhobenen Vergleichskennzahlen ist der Cash-Flow, welcher Auskunft über das Kapital für mögliche Investitionen gibt. In Thüringen fallen die Werte je nach Betriebstyp wie folgt aus:

  • Gaststätten mit Bedienung verfügen pro Jahr im Durchschnitt je nach Betriebsgröße zwischen 30.000 und 67.000 Euro (Eigentumsbetriebe). Die Top-Betriebe liegen bei 40.000 bis 79.000 Euro. Pachtbetriebe bewegen sich im Durchschnitt bei 23.000 bis 33.000 Euro (Top Betriebe zwischen 32.000 und 55.000 Euro).
  • Gasthöfe[1] im Eigentum erreichen im Durschnitt rund 34.000 bis 88.000 Euro (Top Betriebe: 47.000 bis 115.000 Euro). Die Pachtbetriebe liegen insgesamt bei Werten von 28.000 bis 45.000 Euro (Top-Betriebe: 35.000 bis 72.000 Euro).
  • Hotelbetriebe zwischen Standard und gehobenem Standard-Niveau bewegen sich bei Eigentumsbetrieben zwischen 119.000 bis 151.000 Euro (Top-Betriebe: 169.000 bis 191.000 Euro) sowie gepachtete Häuser im Durchschnitt von 58.000 und 70.000 Euro (Top-Betriebe: 100.000 und 119.000 Euro).

Die Ergebnisse zeigen, dass die Top-Betriebe (die besten 25%) über ein ausreichendes Kapital für Investitionen bzw. zur Aufnahme von Darlehen verfügen. Bei allen weiteren – zieht man zum Teil noch einen kalkulatorischen Unternehmerlohn ab – liegt das Cash-Flow-Niveau vergleichsweise niedrig, weshalb größere Investitionen möglicherweise schwer fallen.

Die Chancen auf eine Finanzierungszusage und die Umsetzung von Investitionen steigen durch gut vorbereitete Businesspläne der Betriebe, welche mittel- bis langfristig angelegte Strategien erkennen lassen. Zudem sollten sich die Betreiber/Geschäftsführer fortlaufend weiterbilden und durch permanente Datenerfassung (Controlling) eine solide Basis für (Banken-) Gespräche schaffen. Auf Bundes- und Landesebene werden auch zahlreiche Förderprogramme zur Verfügung gestellt. Die Betriebe müssen die Fördertöpfe auf mögliche Zuschüsse und/oder zinslose Darlehen für Finanzierungen noch stärker prüfen. Bis heute gibt es in Thüringen viele Initiativen und Instrumente zur Unterstützung der Branche (u. a. Thüringer Tourismusnetzwerk, Beratungsnetzwerk der TTG, Aktionsprogramm Gastgewerbe, Angebote von IHKn und DEHOGA). Um die Betriebe dabei zu unterstützen diese Angebote verstärkt zu nutzen, wird mit der Umsetzung der Landestourismusstrategie ein KMU-Netzwerk geschaffen, welches die bestehenden Angebote und Strukturen bündelt und diese proaktiv an die Betriebe kommuniziert. Das Angebot wird derzeit entwickelt und ab Q3 2018 im Tourismusnetzwerk kommuniziert. 

Weitere Informationen finden Sie unter: Betriebsvergleich Gastgewerbe Thüringen

[1] Gasthof = gastgewerblicher Betrieb mit Beherbergungs-, Verpflegungs- und Service-Funktion; meist auf gutbürgerlichem Niveau und mit einem höheren Umsatzanteil in der Gastronomie.

 
Wissenschaftliche Beratung:
 
dwif-Consulting GmbH
Markus Seibold, Sebastian Geiger, Franziska Rodenkirchen
Tel. +49 89 237028919



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Autor

Nancy Richter
Thüringer Tourismus GmbH